Forscherblick
Was in der Dunkelheit mit uns passiert, ist nicht so einfach zu erforschen. Moderne Wissenschaft basiert u.a. auf Messung und Reproduzierbarkeit – doch für das menschliche Bewusstsein gibt es noch keine Messinstrumente. Zwar zeigen bildgebende Verfahren, welche Hirnareale bei besonderen Bewusstseinszuständen aktiv sind. Doch was dort genau passiert, bleibt unklar. Besonders rätselhaft ist, wie wir überhaupt realistische innere Bilder wahrnehmen können, ohne dass Licht auf unsere Sehrinde trifft.
Hirnforscher nennen diese Bilder „Halluzinationen“. Sie gehen davon aus, dass das Gehirn in der Dunkelheit – mangels äußerer Reize – beginnt, eigene Bilder und Töne zu erzeugen, gespeist aus dem reichen Fundus unserer Erinnerungen oder dem Unbewussten. Doch ist das wirklich alles? Oder öffnet sich in der Dunkelheit ein Raum, der über unsere Erinnerungen hinausgeht?
Diese Frage beschäftigt nicht nur Neurowissenschaftler, sondern auch Altertumsforscher, Theologen und Psychologen. Wen wundert’s, dass ihre Antworten oft weit auseinandergehen! Als Künstler lieben wir es, über den Tellerrand hinauszuschauen. Darum habe ich ein paar Forscher gebeten, sich aus Perspektive ihrer Disziplin mit dem Werk von Axel Neumann auseinanderzusetzen. Die Texte, die dabei entstanden sind, empfinde ich als große Bereicherung für das Verständnis unserer Kunst. Ich freue mich, Ihnen auf dieser Seite eine Auswahl davon zur Verfügung zu stellen. Bitte respektieren Sie die Urheberrechte der Autoren.
Abstieg in die Unterwelt
Altes Wissen über die Dunkelheitserfahrung finden wir in den Mythen über den Abstieg in die Unterwelt – ein weltweit in allen Kulturen verbreitetes Motiv. So kannte im antiken Griechenland jedes Kind die Geschichte von Orpheus, der in die Unterwelt reiste, um die Rückkehr seiner verstorbenen Frau Eurydike zu erbitten, oder von Odysseus, der die Toten um Rat fragte, um nach Jahren der Irrfahrt endlich den Weg zurück nach Hause zu finden.
Diese Mythen hatten einen ganz praktischen Hintergrund: Die sogenannte „Höhleninkubation“. Ratsuchende legten sich für dieses Ritual in unterirdische Kammern oder Höhlen. Wichtig war, dass man während der Inkubation absolut nichts tun durfte – man legte sich in die Dunkelheit, als wäre man tot, und tauchte in die Stille ein. Ziel war es, Zugang zu einem Wissen zu erlangen, das aus einer anderen Ebene des Seins kommt, aus einer anderen Realität – aus der Welt der Götter. Oft begleiteten Ärzte oder Priester das Ritual.
Auf diesem Relief sehen Sie einen Hinweis auf dieses Ritual. Es stammt aus dem Haupttempel von Epidauros (4. Jhd. vor Chr.) und zeigt, wie der Heilgott Asklepios eine Patientin untersucht. Hinter ihm steht seine Tochter, die Heilgöttin Hygieia.
Prof. Yulia Ustinova von der Ben-Gurion-Universität in Israel ist eine der international renommiertesten Expertinnen der Höhleninkubation im antiken Griechenland. In ihrem Buch »Caves and the Ancient Greek Mind« (Höhlen und der antike griechische Geist) beschreibt sie diese Praxis. Sie schätzt es sehr, interdisziplinär zu arbeiten und reagierte prompt, als ich ihr Axels Kunst vorstellte und sie um ihre Eindrücke bat. Sie war die Erste, die uns darauf aufmerksam machte, dass die mit der Dunkelheit verbundenen Visionen universell sein könnten. Sie sieht diese Archaik in unserer Kunst verkörpert. Ihr Text über unsere Kunst entführt Sie in eine mystische Welt der Visionssuche und der Selbsterkenntnis. Viel Vergnügen!
Axel Neumann hat das enorme Potential dieser Erfahrung erkannt und enthüllt es in seinen Bildern.
Prof. Yulia Ustinova
Christlicher Kulturkreis
Der veränderte Bewusstseinszustand hat mit dem Loslassen des Egos zu tun. In den karitativen und monastischen Strömungen des Christentums finden wir viele Einzelpersonen, die sich demütig hinter eine Aufgabe zurückgezogen haben und ihre Aufgabe wichtiger nehmen, als sich selbst. Um diesen Zustand zu praktizieren, pflegen sie Einsamkeit, Stille, Gebet und Askese. Dabei taucht die Dunkelheit erst auf den zweiten Blick auf: Wenn die Orte beschrieben werden, an denen die Ordensleute ihre Innerlichkeit pflegen, beziehungsweise gepflegt haben. Sie erfahren die Dunkelheit nicht als Leere, sondern als einen Ort, an dem die Grenzen des rationalen Denkens überwunden werden können.
Prof. Merkt (Universität Regensburg) erforscht die Geschichte und Theologie des antiken Christentums. Als ich ihn um seine Eindrücke bei der Betrachtung von Axel Neumanns Kunst bat, hatte er ein ganz bestimmtes Bild vor Augen: Die Rote Symphonie. Es ist beeindruckend, wie viele Erzählungen über innere Bilder in der Bibel zu finden sind. Sein Text heißt »Das Strahlen der göttlichen Dunkelheit« und ist nicht nur für bibelfeste Leser eine Offenbarung! Er nimmt Sie mit auf eine wundervolle Reise in die poetische Tiefe menschlicher Sinnsuche. Lassen Sie sich darauf ein.
Visionen sind originell. Und zugleich traditionell. In einem Bereich, in dem auch Einbildung, Illusion und Täuschung möglich sind, belegen die Gemeinsamkeiten die Echtheit. Das hat der Apokalypse-Forscher Klaus Berger für jüdische und christliche Visionen der Antike herausgearbeitet: »Die Stabilität und Wiederholbarkeit der Elemente schützt den Gesamtbereich vor Zweifeln.«
Prof. Andreas Merkt
Bewusstseinsforschung
Das menschliche Bewusstsein ist in Schichten aufgebaut. Das wurde mir während meines Studiums an einer Schauspielschule in der Schweiz klar. Ich hatte das Glück, dass diese Schule viel Wert auf Körper- und Bewusstseinsarbeit legte. Während unser Körper begrenzt ist, kann sich das Bewusstsein in alle Richtungen erweitern und ausdehnen. Wie weit wir dabei kommen, hängt von unserem persönlichen Feingefühl ab.
Aus wissenschaftlicher Sicht wurde das menschliche Bewusstsein jahrzehntelang stiefmütterlich behandelt. Noch vor 30 Jahren galt seine Erforschung sogar als Tabu, da subjektives Erleben als „unwissenschaftlich“ galt! Erschwerend kommt hinzu, dass es für jeden etwas anderes bedeutet. Aber eins kann sicher gesagt werden: Bewusstsein ist mehr als nur ein biologisches Phänomen, das aus elektrischen Impulsen unserer Nervenzellen geboren wird. Es ist ein persönliches Erleben mit medizinischen, weltanschaulichen und existenziellen Dimensionen.
Auch die Sterbeforschung ist ein Teil dieser Disziplin. Sie untersucht u.a. die visuellen Erfahrungen während des Sterbeprozesses. Ein besonderer Moment unserer Arbeit war es, als uns im Rahmen unserer Ausstellung in Worms eine Besucherin ansprach: Überwältigt berichtete sie uns, dass ein konkretes Bild der Ausstellung exakt das zeigt, was sie während ihrer Nahtoderfahrung wahrgenommen hatte.
Tatsächlich sind in Berichten von Nahtoderfahrungen immer wieder ähnliche Grundaussagen zu finden, so wie die Reise durch einen Tunnel und rätselhafte Licht- und Farbphänomene. Monique Hennequin beschreibt es so: „Es kam mir vor, als stiege ich durch ein Strahlenspektrum auf, in dem ich Farben nicht sah, sondern ‚fühlte‘. Die Farben wurden immer heller, wärmer, klarer, als verbänden sie sich zu einer großen Nabelschnur – ein sanfter Tornado aus mehr Farben, als ich je gekannt hatte.“
Ist es nicht faszinierend, wie sehr sich ihre Schilderungen in unserer Kunst spiegeln? Um Missverständnissen vorzubeugen: Axel Neumann selbst hatte keine Nahtoderfahrung, sondern erlebte einen veränderten Bewusstseinszustand. Der niederländische Kardiologe Pim van Lommel hat sich intensiv mit Nahtoderfahrungen beschäftigt. Als Kardiologe hat er naturgemäß viel Kontakt zu reanimierten Patienten. Er sammelte zahlreiche Berichte und analysierte sie wissenschaftlich. Auch er hat sich zu Axel Neumanns Kunst geäußert und ich möchte es seinen Worten überlassen, den Kreis vom rationalen Forschen zum schöpferischen Mysterium der Kunst zu schließen. Er schreibt:
»Ich bin überzeugt, dass das Erleben veränderter Bewusstseinszustände, was auch immer sie ausgelöst haben mag, zur wichtigsten und schönsten Kunst geführt hat, die jemals erschaffen wurde. Und genau das ist es, was wir sehen und fühlen können, wenn wir uns mit der originären und sehr besonderen Kunst von Axel Neumann auseinandersetzen, die von seinen Erfahrungen während des Entzugs äußerer Reize inspiriert wurde«
Pim van Lommel






