Geschenk der Dunkelheit
Sie werden überrascht sein: Was Axel Neumann während seines 3-wöchigen Selbstexperimentes erlebt hat, ist nichts Außergewöhnliches. Hirnforscher bestätigen, dass der Entzug äußerer Reize bei vielen Menschen visuelle Erlebnisse auslöst – oft mit ähnlichen Mustern und Lichtphänomenen, als wären sie allgemeingültig.
Was heute extrem erscheinen mag, war in der Antike eine verbreitete Praxis: die bewusste Innenschau durch Rückzug in die Dunkelheit. In die Dunkelheit zu gehen war in vielen alten Kulturen ein Synonym dafür, echtes Sehen zu erlernen. Der Reizentzug erweitert unsere Wahrnehmungsgrenzen. Wir hören und fühlen mehr, und wenn wir es nur lange genug aushalten, schaffen wir Raum für innere Bilder.
In unserer Zivilisation werden diese besonderen Erfahrungen noch immer tabuisiert. Vielleicht weil sie fälschlich mit Drogenkonsum assoziiert werden? Dabei handelt es sich um eine natürliche Fähigkeit des menschlichen Geistes. Innere Bilder können sich während Migräneanfällen genauso zeigen, wie in tiefer Meditation oder während gesundheitlicher Krisen. Von unseren Ausstellungen wissen wir, dass erstaunlich viele Menschen dieses Phänomen bereits aus eigener Erfahrung kennen. Manchmal kommt es sogar vor, dass Besucher in Axel Neumanns Kunst eigene innere Bilder wiedererkennen.
So natürlich die inneren Bilder sind, so außergewöhnlich ist es, drei ganze Wochen in der Dunkelheit zu verbringen. Bitte probieren Sie es nicht leichtfertig selber aus. Das kann extreme emotionale Grenzsituationen auslösen! Sicher, die Möglichkeiten einer Dunkelheitserfahrung sind unglaublich fesselnd, sie kann aber auch die eigenen Kräfte überwältigen. Eine sorgfältige Vorbereitung und fachliche Begleitung sind unverzichtbar.
Zum Glück gibt es immer wieder Menschen wie Axel Neumann, die uns durch die Sprache der Kunst an dieser Erfahrung teilhaben lassen. Kunstgenuss ist eine wunderbare Möglichkeit, sich dem Thema „risikolos“ zu nähern. Ich nenne diese rätselhaften Bilder „Geschenk der Dunkelheit“. Denn alle, die diese inneren Bilder bereits erlebt haben, waren ausgesprochen dankbar für die Erfahrung. Ist nicht allein das schon Grund genug, sich dieses Phänomen näher anzuschauen?
Auf dem Bild oben sehen Sie eine Impression unserer Ausstellung ZWISCHENWELTEN 2 (Berlin, 2024). Zu sehen sind 46 Bilder, geometrisch angeordnet. Entdecken Sie die Gemeinsamkeiten ihrer Muster?
Eine lebendige Beziehung zu sich selbst formen
Die Dunkelheit fordert uns auf, uns mit uns selbst auseinanderzusetzen. Es gib keine Ablenkung. Manche Menschen sind begeistert von dieser Aussicht, andere empfinden Furcht. Axel Neumann sagt heute, dass er in der Dunkelheit gelernt hat, sich selbst zuzuhören. Doch wer spricht zu uns, wenn wir in die Dunkelheit gehen? Der Verstand, die Seele, die Phantasie oder vielleicht unbewusste Erinnerungen? Erschwerend kommt hinzu, dass allein schon die Worte für unser Innenleben vorbelastet sind: Beim Wort Seele denken viele an Religion, Psyche klingt für viele nach Freud’scher Psychoanalyse. Begriffe wie Geist wiederum werden gerne mit Intellektualität verwechselt. Selbst das englische Spirit trägt viele Bedeutungen, während der französische Begriff Esprit zumindest etwas von den wunderbaren Inspirationen erahnen lässt, die der Blick nach Innen bereithalten kann.
Bekanntlich antwortet der Wald so, wie man in ihn hinein ruft. Es kann hilfreich sein, ein eigenes, unbelastetes Wort für die inneren Stimmen zu finden. Dann werden unsere inneren Landschaften zu einem neutralen Terrain. Axel Neumann nennt dieses unsichtbare Repertoire menschlicher Ausdrucksformen Emotio. Die Emotio ist bei allen Menschen gleich – jeder empfindet Sehnsüchte, trägt Wünsche, Vorahnungen, Träume und Visionen in sich. Nur die Wahrnehmung der inneren Räume unterscheidet sich.
Ich finde das Wort Emotio sehr passend. Denn das Lebendige, das in der Dunkelheit zu uns spricht, erschließt sich über das Gefühl, nicht über den Verstand. Gelingt es uns, unserer Emotio unvoreingenommen zu begegnen, dann kann die Dunkelheit als schöpferischer Ort des Werdens erlebt werden, voller Magie und Möglichkeiten.
Um seine Emotio zu beobachten, muss man natürlich nicht zwingend in die Dunkelheit gehen. Es geht nur darum, die eigene Wahrnehmung zu verfeinern. Musik hören, sich an Kunstwerken erfreuen oder Bücher lesen – all das kann Türen zu dieser inneren Welt öffnen.
Transformation
Veränderte Bewusstseinszustände können das Leben grundlegend verwandeln. Sie ermöglichen eine Begegnung mit dem Wesen der Existenz und vertiefen unser Verständnis für das Menschsein. Oft gehen sie mit sinnstiftenden Impulsen einher, die helfen können, das Leben neu und besser auszurichten. So wie Axel Neumann vom Schauspiel zum Beruf der bildenden Kunst fand.
Aber Betroffene tun sich schwer, ihre Erlebnisse in Worte zu fassen. Kein Wunder – lassen sich Gefühle überhaupt beschreiben? Oft sind es sogar besonders intensive emotionale Eindrücke: von ozeanischen Einheitserfahrungen bis hin zu ekstatischer Erleuchtung. Selbst die Bilder, die dabei erlebt werden, scheinen eine eigene Sprache zu sprechen – die Sprache einer anderen Wirklichkeit.
In Kulturen, die rituelle Bewusstseinsveränderungen pflegen, haben innere Bilder einen hohen Stellenwert in Gesellschaft, Kunst und Religion. Man begegnet ihnen mit Respekt und außergewöhnlicher Wertschätzung. In meinen Augen ist die Reise nach innen nicht nur persönlich bereichernd, sondern auch kulturell bedeutsam für die Entwicklung einer Gemeinschaft.
Ist es nicht faszinierend, dass allein die Begegnung mit uns selbst so folgenreich sein kann?
Die wahre Entdeckungsreise besteht nicht darin, dass man neue Länder sucht,
sondern dass man neue Augen hat.
Marcel Proust (1871 – 1922), französischer Schriftsteller
Verwirbelte Ordnung
In der Dunkelheit bricht das Unbewusste auf – und offenbart eine Welt aus Bildern und Symbolen, wie Carl Jung es formulierte. Wie bereits beschrieben, findet man in allen Kulturen und Epochen Beschreibungen dieser Visionen. Besonders oft werden geometrische Muster, bunte Lichter und wirbelnde Räume beschrieben. Auffallend ist, wie die Qualität der Farben beschrieben wird. Sie sollen so leuchtend und schön sein, als wären sie nicht von dieser Welt. Gedeutet werden diese Visionen als sinnhafte Symbole.
Symbole sind Sinnbilder für die großen Themen des Lebens und enthalten meist mehrere Bedeutungsebenen. Ihre Wirkung ist sehr mächtig, denn sie können direkt von unserem Unterbewusstsein aufgefasst werden, ohne vom Verstand gefiltert zu werden. Große Firmen nutzen dieses Wissen und investieren viel Aufwand in die Entwicklung und Pflege von Markenlogos.
Axel Neumann hat während der Zeit in der Dunkelheit gelernt, dass in unserer inneren Bilderwelt kein Chaos herrscht, sondern eine eigene, geordnete Realität. Auch in seinem Werk ist das erkennbar. Seine Bilder stellen keine beliebige Muster dar, sondern folgen einer Ordnung.
Mögen die Visionen auch universell sein, ihre Deutung bleibt individuell. Hier beginnt das Abenteuer! Erforschen Sie die Motive von Axel Neumann für sich persönlich.






