„Sag mir Deine Philosophie …“
… hat ein litauischer Schauspielkollege 1999 Axel Neumann während Dreharbeiten in der Sahara gefragt. Danach haben die beiden eine Stunde lang geschwiegen.
Heute fiele ihm die Antwort leicht: „Ich bin nichts, die Sache ist alles.“ Demut ist das Herzstück seiner Philosophie. Außergewöhnliches kann nur entstehen, wenn man sich seiner Aufgabe bedingungslos nähert.
Demut scheint heutzutage negativ besetzt. Viele denken bei diesem Wort an Unterwerfung, verwechseln den Begriff vielleicht sogar mit Demütigung. Demut im ursprünglichen Sinne hat mit Vertrauen zu tun. Vertrauen darauf, dass die Intuition den richtigen Weg kennt.
In einem alten Film über Michelangelo besucht Brabante – der Baumeister des Petersdom in Rom – Michelangelo in seiner Werkstatt, als gerade ein großer Stein angeliefert wird.
Michelangelo freut sich über den Stein, begutachtet ihn und ruft:
Michelangelo: Da! Moses!
Brabante: Moses?
Michelangelo: Moses! Da in dem Stein. Moses vom Sinai herabgestiegen.
Heiliger Zorn in den Augen.
Brabante: In der Phantasie des Michelangelo?
Michelangelo: Nein, hier, leibhaftig! Er schläft noch. Wie die anderen auch. Gott legt sie hinein, der Bildhauer holt sie heraus.
Doch größer ist`s zu schaffen, als zu zerstören Geschaffenes
Aus »Paradise Lost« von John Milton, 1608–1674
Imagine!
»Habe Mut, dich deines eigenen Auges zu bedienen!« Das würde Axel Neumann (frei nach Kant) den Betrachtern seiner Bilder gerne mit auf den Weg geben.
Der Mensch trägt alles Wissen bereits in sich. Es ist in seiner alten Intuition verankert. Wir müssen nur lernen, uns selber zuzuhören. Das tun wir, indem wir unseren Ahnungen und Erinnerungen, unseren Wünschen, Träumen und visionären Bildern Beachtung schenken.
Die Phantasie ist das vielleicht genialste Werkzeug, das unsere Spezies ab Werk und frei Haus mitgeliefert bekommen hat. Sie ist nicht nur ein exzellentes Entertainmentprogramm und Motor für Fortschritt, sie kann auch recht zuverlässig die Tür zu unserem Innenleben öffnen. Wenn die Phantasie beim Betrachten von Kunst eigene Geschichten und Erinnerung aufspürt, weist sie den Weg zur Persönlichkeit.
Die Phantasie kann auch unsere Wirklichkeit bestimmen. Denn was in unserer Vorstellung Gestalt annimmt, wird irgendwann auch Wirklichkeit werden. In welcher Form auch immer. In der Umkehrung heißt das: Wir können immer nur die Dinge schaffen, die in unserer Vorstellungskraft bereits so weit sind. Würde der Mensch seiner Phantasie nicht ständig Fesseln anlegen, wären seinen Fähigkeiten kaum mehr Grenzen gesetzt. In einem Dokumentarfilm über ein abgelegenes Schweizer Bergtal, fragte der Filmemacher einen uralten Bauern, ob er sein Dorf denn überhaupt jemals verlassen habe. Der alte Mann nickte stolz und antwortete: „Oh ja, ich war schon überall! Ich war in der Antarktis, in Afrika, in Rom und in Amerika, ich war überall!“ Dann tippte er mit einem Finger an seine Stirn und legte nach: „Alles hier in meinem Kopf!“
Wer die Phantasie hemmungslos genießen möchte, muss nur eines wissen: Sie ist ein fließender Ort. Sie hat mit loslassen zu tun, mit wohlfühlen und sich treiben lassen. Sie wächst auf dem Bodensatz unserer Gefühle und wird nicht im Verstand erzeugt. Im Gegenteil. Das Denken unterbricht ihren Fluss, das Fühlen treibt ihn an.
Ja, so möchte Axel Neumann seine Kunstwerke am liebsten verstanden wissen: Als Vorlage für die eigene Phantasie. Damit jeder seine eigenen Geschichten darin entdecken kann.
Selbsterkenntnis
Seit jeher ist Kunst ein Weg zur Selbsterfahrung. Sie will den Betrachter mit sich selber in Kontakt bringen und zur Innenschau einladen. In den Augen Axel Neumanns ist Selbsterkenntnis nur über das Gefühl möglich. Der Verstand ist limitiert, während alle anderen menschlichen Fähigkeiten im Zusammenwirken eine umfassende Wahrnehmung und tiefes Verständnis ermöglichen. Der Verstand lässt sich auch sehr viel leichter täuschen, als das Gefühl: Tief in uns drin spüren wir, ob etwas wahr ist oder nicht.
Es überrascht nicht, dass Selbsterkenntnis und Individualität auch im Griechenland ein wichtiges Thema war. Nicht nur die Eleaten, auch die Pythagoreer haben die Menschen dazu ermutigt, ihren eigenen Weg zu gehen und Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen. Ein möglicher Weg dazu war die Dunkelheitserfahrung, die damals „Höhleninkubation“ genannt wurde. Wer sich in die damaligen Schriften einliest, staunt über ihre Fortschrittlichkeit. Dagegen wirkt unsere „aufgeklärte“ moderne Welt regelrecht altbacken.
Auch über dem Eingang zum berühmten Orakel von Delphi stand der Satz: „Erkenne Dich selbst.“ Dieses Orakel war die wichtigste religiöse, politische und persönliche Instanz im antiken Griechenland. Seine rätselhaften Weissagungen prägten das Handeln der ganzen Nation!
Heute wird Individualität nur noch oberflächlich verstanden. Sie hat sich in unserer Konsumgesellschaft als „Kult des Individuums“ zu einer erschreckend wirksamen Form von Gehirnwäsche entwickelt. Es wird nur ein äußerlicher Schein von Individualität praktiziert, der die darunterliegende Angepasstheit nur unzureichend überdecken kann. In Wirklichkeit leben wir in einer Zivilisation, in der alle gleich gemacht werden.
Individuell zu sein bedeutet nicht, um jeden Preis einzigartig und unverwechselbar sein zu wollen. Es geht um etwas viel Grundsätzlicheres. Es geht darum, der zu werden, der man ist. Das ist kein einfacher Weg. Aber er lohnt sich. Denn wer das Leben führt, das er will, dem geht es gut.
Das Denken ist nur ein Traum des Fühlens, ein erstorbenes Fühlen, ein blassgraues, schwaches Leben.
Novalis (1772 – 1801), Schriftsteller der Frühromantik



